Was macht einen guten Marktforscher aus?

Beim alljährlichen Preis der deutschen Marktforschung werden Marktforscher für besondere Leistungen und außerordentliches Engagement für die Branche als “Forscherpersönlichkeit des Jahres” ausgezeichnet. Wenn sich daran überhaupt Kritik äußern lässt, dann nur soviel, dass es nicht “Herausragende Forscherpersönlichkeit” heißt, denn Forscherpersönlichkeiten gibt es viele. Die Frage ist also nicht, ob man eine Forscherpersönlichkeit ist, sondern in welchem Maß man Forscherpersönlichkeit hat. Ich habe mich einmal auf die Suche gemacht, um herauszufinden, was einen guten Marktforscher ausmacht.

Flexibel, dynamisch, kreativ – das moderne Arbeitsleben

Bei meinen Recherchen stoße ich zunächst auf ein Interview mit Matthias Fargel auf marktforschung.de.

Marktforschung ist entgegen landläufiger Meinung weniger eine Frage der Qualifikation, mit Zahlen umzugehen, als zusätzlich eine Frage des Charakters und der Haltung. Jeder Berufseinsteiger sollte sich ehrlich selbst prüfen: Kann ich anspruchsvolle Dienstleistung auf Dauer ertragen? Wie wichtig ist mir eine selbstbestimmte Work-Life-Balance? Bin ich hinreichend gleichzeitig flexibel, kreativ und extrovertiert? Kann ich Stress auch positiv erleben? Soll Marktforschung mein Beruf werden oder der Einstieg in andere Laufbahnen?

Fast so hört es sich auch bei Hartmut Scheffler an, der übrigens Preisträger als “Forscherpersönlichkeit des Jahres 2009″ ist:

Ein guter Marktforscher ist für mich jemand, der Handwerkszeug kann, der Methoden kann, der qualitätsbewusst arbeitet, – der aber im Endeffekt jemand ist, der sich mit den Kundenproblemen auseinandersetzt, der lösungsorientiert denkt, usw.. D.h., der den Forscher im Kämmerlein in der ständigen Beschäftigung mit neuen Herausforderungen der Forschung nicht in den Vordergrund stellt, sondern diese Mittel hat, dieses Handwerkszeug hat.

Das blinde Beherrschen der Arbeitstechniken stellt in beiden Fällen eine notwendige aber keinesfalls hinreichende Voraussetzung dar, um ein guter Marktforscher zu sein. Unterschiede gibt es lediglich in welchen Aspekten man diese Grundvoraussetzung ergänzt. Hier wurden vor allem Flexibilität, Kreativität, Extrovertiertheit, Empathie und Lösungsorientierung ins Rennen geschickt.

Irgendwie klingt mir das noch zu sehr nach Plattitüden: Klar müssen Marktforscher flexibel sein – wer muss das heutzutage nicht? Dass man als Anbieter wenig standardisierbarer Dienstleistungen (nämlich Forschung) Kreativität und Lösungsorientierung benötigt, ist fast selbstverständlich. Und dass Extrovertiertheit und Empathie nicht schaden, wenn man es beruflich mit Menschen zu tun hat, braucht eigentlich auch nicht erwähnt zu werden. (Wobei: Dass man sich den Mund nicht mit dem Tischtuch abwischt, brauchte man früher auch nur deshalb zu sagen, weil es noch eine verbreitete Gepflogenheit war!)

Immer eine gute Tat – der menschliche Anspruch

Ich wende mich jedenfalls erst einmal denjenigen zu, die neu in der Branche sind. Was denken sie über die Anforderungen an einen guten Marktforscher? Dazu gab es in den letzten Wochen einige interessante Beiträge zu lesen, etwa auf dem FOYER, über den mitunter respektlosen Umgang der Branche gegenüber interessierten Studenten und potenziellen Berufseinsteigern. Hier werden wertschätzende und respektvolle Umgangsformen als Merkmal guter Marktforscher stark gemacht. In die gleiche Kerbe schlägt dieser lesenswerte Artikel eines Praktikanten in der Marktforschung, der im Netz eine starke Diskussion losgtreten hat. Was er von der Marktforschung lernen konnte?

Marktforschung dreht sich vor allem um eins – den Mensch, mit all seinen Eigenschaften, Fähigkeiten und Facetten. [...]  Wenn mich die Marktforschung verändert hat, dann mit Sicherheit nur im Positiven und wenn ich etwas für mich aus meinen bisherigen Erfahrungen mit der Marktforschung gewonnen habe, ist es vor allem eins: Offenheit – offen sein für alles und für jeden. Egal, ob offen gegenüber einer Methode oder Herangehensweise oder offen gegenüber einem Interviewpartner, der vielleicht ganz anders ist als ich selbst.

Philanthropie und Marktforschung? Dem Wunsch nach einer menschenfreundlichen Profession kann ich mich zu 100% anschließen. Natürlich müssen Marktforscher, die jeden Tag mit Meinungen und Ansichten unterschiedlichster Couleur zu tun haben, neutral und objektiv bleiben – das gebietet schon die Qualität des Forschens. Und dass bei diesem Job Empathie und Einfühlvermögen hilft, hatte ich bereits mit Matthias Fargel und Hartmut Scheffler herausgefunden. Misanthrope Marktforscher werden es also grundsätzlich schwerer haben.

Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

Trotzdem bleibe ich skeptisch, ob das für einen guten Marktforscher ausreicht. Erst kürzlich bin ich auf eine hitzige Diskussion aus den 1970er-Jahren gestoßen, bei der die Frage aufgeworfen wurde, ob die Meinungsforschung auf Seiten des Kapitals oder auf Seiten des Volkes steht. Klar, hier spielen noch politische Vorstellungen eine Rolle, über die sich heute niemand mehr Gedanken macht – aber das Argument ist trotzdem berechtigt: Ist die Marktforschung ein Mittel der Aufklärung, mit dem die Gesellschaft ein Stück besser gemacht wird? Oder soll es den Unternehmen dabei helfen, die Konsumenten noch subtiler und raffinierter um ihr Geld zu bringen? Wer zahlt, schafft an!

Und dann gab es da noch eine spannende Diskussion auf rw-connect, ob es ethical guidelines für die Marktforschung geben sollte? Ein interessantes Argument war hier die Innovationsfähigkeit der Branche, die von Richtlinien möglicherweise beschränkt würde – oder umgekehrt, Richtlinien, die wirkungslos bleiben:

You could say that the ‘young ones’ in research would sacrifice INDUSTRY WIDE ethics and guidelines for innovation, when they’re doing something different and especially if there are no guidelines for what they want to do.

So einfach scheint es also nicht zu sein, ein (menschlich) guter Marktforscher zu sein. Wer innovativ ist, ist latent immer auch ethischen Problemen ausgesetzt, wie dem Datenschutz und vielem mehr. Das liegt ganz einfach daran, dass es für Innovationen naturgemäß keine forschungsethischen Bewertung geben kann, – deshalb sind es ja Innovationen. Und in einem harten Wettbewerbsumfeld möchte jeder innovativ sein, denn letztlich geht’s hier um Vorsprung vor den Konkurrenten. Und am Ende um das Betriebsergebnis.

Damit kein Missverständnis entsteht: Das alles soll natürlich nicht bedeuten, dass man nicht im persönlichen Umgang freundlich und respektvoll sein kann. Hier hat sich die Ebene geändert: von der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene zur organisatorischen, geschäftlichen Ebene. Und dort sind die Anforderungen an einen guten Marktforscher andere, die Geschäftstüchtigkeit betreffende. Hat ein guter Marktforscher nicht auch manchmal die Verantwortung, einen unverschämt langweiligen Fragebogen ins Feld zu bringen, weil der Umsatz für’s Unternehmen mehr wiegt, als die Befindlichkeit des Befragten? Sind wir nicht manchmal einem extremen Akquisedruck ausgesetzt, der uns die ausführliche Beschäftigung mit Wettbewerbern und fachfremden Interessenten verbietet? Und spielt das Glückserleben der Studienteilnehmer, Kollegen, Lieferanten, etc. wirklich immer eine Rolle, wenn andernorts die Euros winken? Hand auf’s Herz!

Zwischenbilanz – alles eine Frage der Perspektive!

Verwirrt unterbreche ich meine Suche nach Kriterien für einen guten Marktforscher. Irgendwie hatte ich mir das einfacher vorgestellt. Die besondere Situation der Marktforscher scheint sich vor allem aus ihrer Position als Vermittler zwischen Studienteilnehmern, Politikern, Unternehmen, Fachöffentlichkeit und vielen anderen zu ergeben. Jeder hat eigene Ansprüche, und alle sind irgendwie berechtigt. Wie sieht sie nun aus, die herausragende Forschungspersönlichkeit?

Ich habe noch keine Ahnung! Aber zum Glück ich habe einen Trumpf im Ärmel: das deutsche Mafo-Web, das mir bei meiner Frage sicher weiter helfen wird… :-) Und dann gibt es hier irgendwann eine Fortsetzung dieses Artikels!

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6 Antworten auf Was macht einen guten Marktforscher aus?

  1. Thomas Perry sagt:

    Lieber Florian Tress,
    “gut” ist eben ein typisch qualitativer Begriff, der immer subjektiv und deshalb unterschiedlich gefüllt wird. So wird es auch in der Mafo-Welt sein.
    Was die Branchen-Ethics angeht. Ich bin mir sicher, dass man Ethics definieren könnte, die von Innovationen völlig unabhängig sind. Es geht dabei ja hoffentlich nicht um Methodenvorgaben. Ich wüsste deshalb auch nicht, wieso Innovationen dann nicht mehr möglich sind.
    Aber vielleicht muss man intensiv darum streiten, ob man Innovationen per se gut finden will, oder ob man nur bestimmte Innovationen gut finden und andere womöglich gar bekämpfen will. Es setzt sich ja auch keineswegs jede Innovation durch. Manche wird einfach verboten oder reguliert oder eingeschränkt, weil eine Mehrheit das so will oder weil z.B. ein Verfassungsgericht sie untersagt.
    Man merkt an dieser Frage dann sehr schnell, dass die Marktforschung – genau wie jede andere Branche – sich mitten in Diskussionen befindet, die auch andere Teile der Gesellschaft betreffen und führen. Vermutlich wird sich dann auch mancher mal entscheiden müssen, auf welcher Seite er/sie stehen will. Insofern ist vielleicht ein “guter” Marktforscher auch jemand, der über seinen Job nachdenkt, reflektiert, was er tut eine eigene Position hat und dafür einsteht. Also das glatte Gegenteil von gedankenlosem Befehlsausführer. Mit Professionalität und kommerziellem Erfolgsdruck steht das nicht in Konflikt, Gutmensch oder Philanthrop muss man nicht sein. Aber Hirn und ein Minimum an Courage wäre schon hilfreich.
    Gruß,
    Thomas Perry

    • Florian Tress sagt:

      Lieber Thomas Perry, vielen Dank für den Kommentar. Besonders spannend finde ich den Gedanken, ob man manche Innovationen in der Marktforschung bekämpfen und unterbinden will (und vielleicht sogar sollte).
      Ich habe manchmal den umgekehrten Eindruck, dass die Vergleichbarkeit von Erhebungen wichtiger als deren Qualität ist. Selbst wenn man also eine Methode finden könnte, die hochgradig präzise Messungen erlaubt, hätten viele Marktforscher Probleme beim Methodenwechsel. Kurz: ich habe den Eindruck, dass die Branche eher innovationsfeindlich ist und stark von ihrer hohen Beständigkeit lebt.
      Wenn aber etwas wirklich Neues entstehen kann, dann oft zunächst außerhalb der Schranken unserer Branche. Ein Marktforscher muss deshalb vielleicht weniger eine eigene Position haben und beherzt verteidigen können, sondern auch umgekehrt: auf andere Positionen zugehen und mit ins Boot holen. Das erfordert manchmal vielleicht sogar ein bisschen mehr Hirn und Courage. :-)

      • Christian sagt:

        Hallo Florian, hallo Herr Perry,

        Ich glaube, dass man die Frage, ob Innovationen in der MaFo bewusst unterbunden werden, mit einem klaren “Ja” beantworten kann. Das zeigt mir erstens ein Blick auf die Vergangenheit. Wie lange hat es gedauert, bis die quantitative Online-Forschung etabliert war und welche Kämpfe wurden ausgefochten bis dahin. So oder so ähnlich geht es derzeit der qualitativen Online-Forschung. Die Auseinandsetzung ist umso schwieriger, weil die sozialen Netzwerke ihren Teil an gewöhnlicher Komplexität beitragen. Zu viel neues, zu viel Verteidigungshaltung, zu wenig Fokus auf Chancen. Und das ist nur “Methode”…

        Wenn es um das Selbstbildnis und die Positionierung der Branche geht, sehe ich noch schwärzer. Wenn heutzutage vor versammelter Branche der “Fachpersönlichkeiten” ohne Widerworte gesagt werden darf, dass MaFo nicht die Aufgabe hat, zu beraten, dann ist das mehr als schwierig.
        Kein Wunder also, dass dann diejenigen, die Handwerkszeug mit Empathie und Blick für die Probleme der Kunden kombinieren wollen, entweder ein eigenes Unternehmen gründen oder sich aktiv außerhalb oder allenfalls am Rande der MaFo positionieren (oder beides). Der Absender “Marktforschung” macht dann vor allem die Einordnung der eigenen Leistungen für potenzielle Kunden einfacher.
        Die Verschränkung der Leistungen von Werbeagenturen und Mediaagenturen in den letzten Jahren zeigt, wie schnell das gehen kann…

        Die Lösung, was einen guten Marktforscher ausmacht, ist abhängig von der Perspektive sicher subjektiv.
        Im Moment ist für mich ein guter Marktforscher vor allem jemand, der jenseits von – oder gerade wegen – wirtschaftlicher Interessen für eine innovative Integration der unterschiedlichen Sichtweisen eintritt…
        Also doch eher ein Gutmensch? ;-)

  2. CWeinhold sagt:

    Spontan fallen mir ein: eine ordentliche Portion Neugierde gepaart mit Objektivität. Das scheint mir wichtiger zu sein als Kreativität und Dynamik, aber darüber lässt sich sicher herrlich streiten …

    • Florian Tress sagt:

      Liebe CWeinhold, in jedem Fall! Daran wird vielleicht schön deutlich, dass es unterschiedliche Anforderungsebenen gibt. Neugierde und Objektivität gehören vielleicht eher zu den absoluten Basics. Wenn man darüber hinaus aber auch noch kreativ und dynamisch ist, und die täglichen Denkroutinen verlassen kann, wäre es aus meiner Sicht ideal. Das eine schließt ja das andere nicht aus – aber man muss sicherlich Prioritäten setzen.

  3. Pingback: Was macht einen guten Marktforscher aus? (Teil II) | die forschungsfront

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