Windows 8 ist offenbar ein Flop. Erst vor wenigen Wochen wurde in mehreren Medien eine Studie von IDC zitiert, nach der die massiven Einbrüche auf dem PC-Markt insbesondere auf das neue Betriebssystem von Microsoft zurückzuführen sind.
“At this point, unfortunately, it seems clear that the Windows 8 launch not only failed to provide a positive boost to the PC market, but appears to have slowed the market”
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Viele Kolumnisten ziehen daher gerade den Vergleich zwischen dem New Coke-Flop 1985 und den gegenwärtigen Problemen von Windows 8. Doch wo New Coke erwähnt wird, ist Kritik an der Marktforschung meistens nicht weit.
Zur Erinnerung: Anfang der 80er Jahre zeigten Blindverkostungen, dass Pepsi den meisten Menschen besser als Coca-Cola schmeckt. Gleichzeitig gewann Pepsi zunehmend Marktanteile, weshalb sich Coca-Cola dazu entschloss, ein neues Rezept zu verwenden. Trotz besserer Werte im Blindtest wurde die sog. New Coke ein Flop; nach nur drei Monaten kehrte Coca-Cola zur alten Rezeptur zurück.
New Coke gilt den Kritikern von Marktforschung als Beleg dafür, dass auf die Ergebnisse kein Verlass ist; das New-Coke-Desaster ist so gesehen also eigentlich ein Marktforschungs-Desaster. Und natürlich fragt man sich auch jetzt, wenn Windows 8 floppt: Hätte man das nicht verhindern können? Gab es zu wenig, zu viel oder die falsche Forschung? Wo genau hakt es?
Der Versuch einer Interpretation. Ich glaube erstens, dass der Vergleich zwischen New Coke und Windows 8 hinkt; New Coke war als Weiterentwicklung eines bestehenden Produktes gedacht, während Windows 8 immer als desruptive Technologie präsentiert wurde (“Windows 8 shatters perceptions of what a PC now really is.”) Und wie das bei Innovationen so ist, muss man manchmal neue Wege gehen und ungesichertes Gelände betreten:
Remember, if you try to innovate the same way everyone else tries to innovate, it’s hard to imagine you’ll be very, well, innovative. (Bill Taylor)
In diesem Zusammenhang sei auch an Steve Ballmers berühmte Aussage von Ende 2010 erinnert, dass Windows 8 die “riskiest product bet” von Microsoft ist. Das Risiko eines Flops war bei Windows 8 deshalb nicht nur größer, sondern wurde auch bewusst in Kauf genommen.
Zweitens ist aber auch so gut wie nichts darüber bekannt, in welcher Form der Entwicklungsprozess von Marktforschung begleitet wurde. Immerhin macht die Liste der namenhaften Institute, die für Microsoft forschen dürfen, zuversichtlich, dass hier echte Profis und keine Dilettanten am Werk waren. In jedem Fall taugt der Windows 8-Flop nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand kaum dazu, Marktforschern einen konkreten Vorwurf zu machen. Auch das unterscheidet den New Coke-Flop vom aktuellen Fall.
Zuletzt gilt es noch zu bedenken, dass Windows auch nicht wie New Coke einfach zur alten Rezeptur zurückkehren kann. Ein Betriebssystem ist kein Erfrischungsgetränk! Bessere Technik (wie z.B. Touchscreens) erfordert in jedem Fall auch neue Software – hier führt der Weg immer nur nach vorne. PC-Anwender müssen sich deshalb kontinuierlich umgewöhnen. Das war aber schon immer so und muss nichts heißen! Tatsächlich wurde ja Windows 8 zunächst auch mit großem Wohlwollen begegnet und erst nach und nach verdichtete sich die Kritik. Software bewährt sich nie am Reißbrett, sondern in den vielfältigen Nutzungskontexten des wirklichen Lebens. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass man nicht schon von vornherein eingeplant hatte, früher oder später nachzubessern. Auch das scheint mir ein wichtiger Unterschied zwischen New Coke und Windows 8 zu sein.
Vielleicht hätte Marktforschung die Probleme etwas abfedern können (vielleicht auch nicht). In jedem Fall scheint mir der Vergleich zur New Coke kräftig zu hinken und taugt sicher nicht als Fortsetzung für pauschale Kritik an Marktforschung.




